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Jedes 50. Hamburger Kind ist hochbegabt

Schüler mit einem IQ über 130 müssen besonders gefördert werden. Doch fast alle getesteten Mädchen und Jungen haben ganz andere Probleme.

[caption id="attachment_914" align="alignright" width="325"]Beeke Quelle: www.abendblatt.de Foto: Klaus Bodig[/caption]

Hamburg. Beeke Müller ist 13 Jahre alt und besucht die zehnte Klasse. Wenn alles nach Plan läuft, wird sie mit 16 ihr Abi in der Tasche haben. Was sie werden will, weiß sie noch nicht. Wohl aber, was sie studieren wird. „Molecular Lifescience“, sagt sie. „Das Leben in Miniatur. Das deckt alles ab, was ich gerne mache: Physik, Chemie und Bio.“

Beeke ist hochbegabt, ihr Wissensdrang enorm. Bekommt ihr Gehirn keinen Input, geht es ihr schlecht. Damit ist sie kein Einzelfall. Jan Kwietniewski von der Hamburger Beratungsstelle für besondere Begabungen (BbB) geht davon aus, dass ungefähr zwei bis drei Prozent der Kinder an allgemeinbildenden Schulen hochbegabt sind. Auf Hamburg heruntergerechnet wären das 3500 bis 4000 Schüler. Formal gilt als hochbegabt, wer einen Intelligenzquotienten hat, der höher ist als 130.

Wie viele Kinder in Hamburg getestet werden, wird nicht erfasst, Experten sprechen aber von einer steigenden Zahl. „Es gibt meiner Erfahrung nach nicht mehr Hochbegabte als früher, aber mehr Eltern, die ihre Kinder dafür halten“, sagt Kinder- und Jugendpsychotherapeutin Gabriela Küll.

„Viele Eltern lassen ihre Kinder testen, weil sie sich erhoffen, durch die Diagnose Hochbegabung eine Erklärung für die Schwierigkeiten ihrer Kinder in der Schule zu bekommen.“ Tatsächlich stellt die Beratungsstelle nur bei einem geringen Teil der 300 Kinder, die dort beraten werden, eine Hochbegabung fest. Im vergangenen Jahr waren das etwa 20. Auch Kinder- und Jugendpsychiater Michael Schulte-Markwort, der seit 2004 in Altona eine Hochbegabten-Ambulanz betreibt, sagt: „Die meisten Kinder mit Verdacht auf Hochbegabung sind es nicht.“ Der Hype ums Thema habe aber wieder etwas abgenommen.

Beeke hat ihren ersten Test mit drei Jahren im UKE gemacht. „Ich wollte wissen, wie ich mit ihr umgehen soll“, sagt ihre Mutter Tomke Müller. Sie selbst war als hochbegabtes Kind stets unterfordert und unglücklich gewesen. Dieses Schicksal wollte sie ihrer Tochter ersparen. Mit dem Testergebnis in der Tasche machte sie sich auf die Suche nach einer Schule für Beeke. Damals waren gerade die sogenannten Schmetterlingsschulen, Grundschulen mit Angeboten für besonders begabte Kinder, ins Leben gerufen worden: 17 Schulen für das ganze Stadtgebiet. „Die in unserer Nähe kam nicht infrage“, sagt Tomke Müller. „Die wollten Beeke in die Vorschule stecken und sie lediglich ab und zu in der ersten Klasse hospitieren lassen.“

Sie wusste aus eigener Erfahrung, dass an den allermeisten Regelschulen für Hochbegabte kein Platz ist. Wer nicht genug gefördert wird, reagiert oft mit extremen Verhaltensauffälligkeiten, von Stören und Unaufmerksamkeit bis zu Depression und Schulverweigerung. „Begabtenförderung ist an Hamburgs Schulen ein Glücksfall“, sagt Jaana Rasmussen vom Regionalverband der Deutschen Gesellschaft für das hochbegabte Kind (DGhK).

„Es ist dramatisch, wie sehr sich Eltern bei Lehrern dafür einsetzen müssen, dass ihr Kind angemessen gefördert und gefordert wird.“ Hochbegabte würden in Hamburg oft mit Hochleistern verwechselt – mit der Folge, dass nur gefördert werde, wer leistungsstark und sozial angepasst sei. Rasmussen und ihre Mitstreiter fordern daher, dass Begabtenförderung strukturell als verpflichtendes Modul in Schulsystem und Lehrerausbildung integriert wird.

Rückenwind bekommt die DGhK Hamburg von der FDP. Schon im März hatten die Liberalen ein umfassendes schulisches Gesamtkonzept für die Förderung von hoch- und besonders begabten Schülern gefordert. Der Glücksfall müsse zum Regelfall werden, heißt es in ihrem Antrag. Kurz bevor dieser Mitte der Woche im Schulausschuss verhandelt werden sollte, präsentierte die SPD einen eigenen Antrag in der Hoffnung, den FDP-Antrag damit aushebeln zu können (wir berichteten). Jetzt wird die Beratung und Abstimmung über den Maßnahmenkatalog zur Begabtenförderung im nächsten Schulausschuss Anfang September fortgesetzt. Auch die Elternkammer unterstützt die Forderungen und hat bereits im Mai einen entsprechenden Beschluss gefasst.

Begabungen. Es gebe viele Möglichkeiten, besonders begabten Kindern durch bestimmte Aufgabenstellungen, Gastbesuche in einer höheren Klasse oder das Überspringen einer Klassenstufe gerecht zu werden. „Die Schulbehörde tut ihr Bestes“, sagt auch Professor Michael Schulte- Markwort. Der Fehler liege im System: Die Klassen müssten kleiner, die räumlichen Bedingungen für Lehrer und Schüler besser werden. Beeke wurde an der privaten Brecht-Schule eingeschult, die im Raum Hamburg führend in der Begabtenförderung ist. Die Schüler werden durch individuelle Förderung, Exzellenzkurse, Teilnahme an Wettbewerben, Fördermaßnahmen für „Minderleister“, mit Juniorakademien und Juniorstudium motiviert. „Es reicht nicht, nachmittags einen Philosophiekurs anzubieten, wenn sich die Schüler am Vormittag gelangweilt haben“, sagt Schulleiter Klaus Nemitz. Selbst Vater eines hochbegabten Kindes, gründete er die Schule 2001 mit einer fünften Klasse und acht Schülern. 2005 wurde die Einrichtung durch eine Grundschule erweitert, heute wird sie von 1250 Schülern besucht – hochbegabt sind 135 Grundschüler, 200 Gymnasiasten und einige Stadtteilschüler. Die Nachfrage ist ungebrochen groß: Auf jeden Platz gibt es fünf bis sechs Bewerbungen, trotz des Schulgelds von monatlich 200 Euro.

Neben der Brecht-Schule und der ebenfalls privaten OKO Talent Schule gibt es in Hamburg mit den Schmetterlingsschulen auch an den staatlichen Schulen Förderangebote für besonders begabte Kinder. Etwa an der Grundschule Forsmannstraße. „Wir sind keine Schule für Hochbegabte, sondern eine Grundschule für begabungsentfaltenden Unterricht“, sagt Schulleiterin Ruth Jakobi. Die Zahl ihrer hochbegabten Schüler sei höher als üblich. Drei bis vier Kinder eines Jahrgangs (rund 70 Schüler) hätten eine diagnostizierte Hochbegabung; die meisten ihrer Schüler seien nicht getestet, zeigten aber hervorragende Leistungen.

Damit die Schüler motiviert lernen und ihre Begabungen entdecken können, hat die Schule ein eigenes Konzept. Ab der dritten Klasse gibt es Talent-Kurse, deren Themen die Kindern vorgeben. Ein Schwerpunkt liegt auf dem Philosophieren. Dabei finden die Kinder Fragen, zu denen sie selbstständig ein halbes Jahr arbeiten. Wer sich trotzdem unterfordert fühlt, kriegt „Extrafutter“. Reichen diese Maßnahmen nicht, überspringt das Kind eine Klassenstufe.

Ruth Jakobi ist selber Mutter einer hochbegabten Tochter. „Ich weiß, wie hilflos Eltern sind, wenn Lehrer nicht verstehen, dass ihr Kind eine besondere Behandlung braucht“, sagt die Schulleiterin. Manche Eltern würden aber übertreiben und ihr Kind als „Projekt“ sehen. Wenn es dann auch noch hochbegabt sei, würde es mit Förderangeboten überfrachtet. „Fördern sollte man nur dosiert“, sagt Ruth Jakobi. „Auch ein schnelles Hirn braucht mal Ruhe.“

Beeke wurde mit sieben Jahren ein Intelligenz-Quotienten von weit über 130 bescheinigt. Schon in der Grundschule wollte sie eine Klassenstufe überspringen, sollte aber noch warten. Dafür sprang sie letztes Jahr von der siebten in die neunte Klasse, gleichzeitig die letzte Hochbegabten-Klasse der Schule. Das Lernen mit Gleichbegabten empfindet sie als Erleichterung. „Man kommt schneller voran“, sagt Beeke. Trotzdem kriegt sie vom Lernen nicht genug. Sämtliche außerschulischen Fördermaßnahmen – offene Vorlesungen an der Uni oder Mathe-Talentförderung – hat sie bereits absolviert. Jetzt liest sie etwa zwei bis zehn Bücher die Woche. Und sie züchtet Kornnattern, weil sie sich für Vererbungslehre interessiert.

Von Friederike Ulrich und Hanna-Lotte Mikuteit Originaltext: http://www.abendblatt.de/hamburg/article119111404/Jedes-50-Hamburger-Kind-ist-hochbegabt.html